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Marieluise Denecke

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Marieluise Denecke hat an der TU Dortmund Journalistik studiert. Seit 2014 unterstützt sie das nrwision-Team als Stellvertretende Senderleiterin.

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Über Menschen mit Behinderung berichten

Praxis-Tipps für Journalisten

Interview mit Prof. Ingo Bosse, TU Dortmund


Was "darf" man eigentlich noch sagen, was nicht? Bei der "political correctness" im Umgang mit anderen Menschen gibt es häufig große Verunsicherung – auch in den Medien. Wie sieht das aus bei der Berichterstattung mit und über Menschen mit Behinderung?

Foto von Ingo Bosse, TU Dortmund

Ingo Bosse ist Juniorprofessor an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund. Er beschäftigt sich mit dem Schwerpunkt "Behinderung und Medien". Regelmäßig berät er auch Redaktionen und Journalisten.

Im Kurz-Interview bei nrwision spricht er über typische Klischees und häufige Fehler bei der Berichterstattung über behinderte Menschen. Außerdem verrät er, was man als Journalist bei eigenen Berichten und Beiträgen beachten sollte und besser machen kann.

Übrigens: Ab April 2016 startet bei uns die neue Interview-Reihe "all inclusive - was heißt schon behindert?" - produziert von Journalistik-Studenten der TU Dortmund. Alle Infos zur Sendung gibt's in unserer Mediathek.

"Eine Behinderung sollte keine Rolle spielen"

5 Fragen zur Berichterstattung über Menschen mit Behinderung


1. Gibt es ein Problem damit, wie Menschen mit Behinderung in den Medien dargestellt werden? Wenn ja, wie äußert sich das?

Man liest häufig noch, dass Menschen an ihrer Behinderung "leiden" (z.B. "an Autismus leiden") oder dass sie "an ihren Rollstuhl gefesselt" sind. Das ist oft nicht böse gemeint, aber das sind Floskeln, die es immer noch in der alltäglichen Sprache gibt. Diese Floskeln liest man auch häufig in Medienberichten über Menschen mit Behinderung.

In den Medien wird außerdem häufig die Behinderung eines Menschen thematisiert, obwohl die mit dem eigentlichen Thema des Berichts nichts zu tun hat. Ob eine Person eine Behinderung hat oder nicht, sollte dann aber eigentlich gar keine Rolle spielen. Dennoch wird eine Behinderung oft noch zum Thema gemacht, nach dem Motto: "Trotz ihrer Behinderung hat diese Person etwas erreicht". Das lässt Menschen mit Behinderung in einem ganz bestimmten Licht erscheinen.

2. Was sind die Klischees, mit denen Menschen mit Behinderung in den Medien beschrieben werden?

In der Berichterstattung wird oft eine bestimmte Haltung transportiert. So werden erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung beispielsweise oft geduzt. Aber warum sollte man einen Erwachsenen duzen?

In solchen Zusammenhängen kommt in der Berichterstattung häufig auch die Frage nach dem Entwicklungsstand eines Menschen mit geistiger Behinderung auf: Ist er auf dem Stand eines Dreijährigen? Eines Fünfjährigen? Der Vergleich hinkt allerdings stark! Eine Person mit geistiger Behinderung und ein Kleinkind sind nicht auf demselben Stand. Und auch wenn ein Mensch mit geistiger Behinderung in manchen Bereichen eingeschränkt sein mag, ist er es in anderen Bereichen wiederum gar nicht.

3. Was kann man als Journalist in der eigenen Berichterstattung besser machen?

Ganz wichtig ist: Zeit einplanen. Natürlich haben Journalisten Produktionsdruck und müssen schnell fertig werden, wenn sie aktuell berichten. Das ist auch gut so. Allerdings sollte bei Gesprächen mit Menschen mit Behinderung darauf geachtet werden, genügend Zeit mitzubringen. Je nach Behinderung brauchen die Menschen länger, um zu antworten, haben Schwierigkeiten in der Kommunikation, brauchen Ruhe. Das alles muss man ihnen zugestehen. Sich Zeit nehmen – das gilt übrigens auch für die Recherche!

Oft kommt es außerdem vor, dass ein Interviewer eher mit der Begleitperson spricht als mit dem Menschen selbst. Es ist aber wichtig, die Leute selbst zu fragen, denn um sie geht es schließlich!

Im Umgang mit Menschen mit Behinderung herrscht oft große Verunsicherung: Soll ich helfen? Wie soll ich fragen? Wie soll ich mit der Person umgehen? Was ist am einfachsten? Das ist gerade für Menschen schwierig, die keine Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben. Als Faustregel gilt: Einfach denjenigen selbst fragen! Denn er ist schließlich der Experte und wird sagen, was ihm recht ist.

4. Warum ist es wichtig, über die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung zu sprechen?

Es gibt häufig noch eine Trennung zwischen den "Menschen mit Behinderung" und "uns", den Menschen ohne Behinderung - als wären das zwei verschiedene Gruppen. Dieses Bild wird auch häufig noch von den Medien transportiert. Das zeigt sich auch darin, dass die Behinderung thematisiert wird, unabhängig davon, ob sie für das eigentliche Thema des Berichts eine Rolle spielt oder nicht. Dabei ist es klar, dass ein Mensch mit Behinderung Experte zu einem Thema jenseits von Behinderung sein kann. Und dass ich von ihm etwas lernen kann! Das wird oft nicht zugestanden.

Gleichzeitig sollte aufgehört werden, immer nur defizitorientiert zu berichten - nach dem Motto: "Was kann jemand NICHT?" - Ein Mensch ist doch viel mehr als seine Behinderung! Doch hier gibt es noch viel Stereotypisierung.

Interessant ist, dass es diesbezüglich starke Parallelen zur Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund oder zur Gender-Debatte gibt. Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit dem Thema Behinderung – gern auch mit einer gewissen Lockerheit. Das kann aber natürlich ein schmaler Grat sein.

5. Wie kann ich mich als Journalist informieren? Gibt es Leitfäden, nach denen man sich richten kann?

Eine gute erste Anlaufstelle ist die Website Opens external link in new windowwww.leidmedien.de. Lesenswert sind außerdem Blogs von Menschen mit Behinderung, die über ihren Alltag schreiben, so zum Beispiel von Opens external link in new windowJulia Probst oder von Opens external link in new windowLaura Gehlhaar. Außerdem hat die "Aktion Mensch" zu ihrem 50. Jubiläum eine sogenannte Blogparade mit dem Namen #Inklusion2025 zum Thema "inklusive Gesellschaft" durchgeführt.

www

Link-Tipp: Leitfaden für Medienschaffende
zum PDF-Download

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  • [ 13.04.2018 ]
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